Statistische Abbildungen aktueller Zahlen antisemitischer Vorfälle

Häufiger als zuvor nahm Antisemitismus im vergangenen Jahr in Berlin verrohte Formen an. Dies geht aus dem Bericht antisemitischer Vorfälle 2018 hervor, den 17. April 2019 die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) vorstellte.

Besorgniserregend ist der deutliche Anstieg bei Vorfallsarten mit besonderem Gefährdungspotential für die Betroffenen. So hat sich die Anzahl der Angriffe von 18 auf 46 mehr als verdoppelt, die Zahl der Bedrohungen – von 26 auf 46 – ist ebenfalls merklich gestiegen. Insgesamt erfasste RIAS Berlin 2018 1.083 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt – 14% mehr als im Vorjahr (951).

Zu dem deutlichen Anstieg von Angriffen und Bedrohungen erklärte RIAS Berlin-Projektleiter Benjamin Steinitz: „Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder ihnen gar Gewalt folgen zu lassen. Diese Verrohung geschieht jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern auch im Kontext wachsender Zahlen niedrigschwelliger Formen von Antisemitismus, der den Alltag von Betroffenen prägt.“

Den vollständigen Bericht finden Sie unter: https://report-antisemitism.de/media/bericht-antisemitischer-vorfaelle-2018.pdf

Vorfälle in Berlin nach Kategorien

Die Zahl antisemitischer Angriffe erhöhte sich um 155% von 18 Angriffen im Jahr 2017 auf 46 im Jahr 2018. Wer antisemitische Einstellungen hat, ist anscheinend auch zunehmend bereit, gegen politische Gegner_innen, Kritiker_innen von antisemitischen Äußerungen und nicht zuletzt gegen erkennbare Jüdinnen_Juden Gewalt auszuüben.
Zudem erfasste RIAS Berlin 2018 46 antisemitische Bedrohungen – ein Anstieg von 77% gegenüber dem Vorjahr. Das politische Spektrum, dem die meisten antisemitischen Bedrohungen zugeordnet werden konnten, ist der Rechtsextremismus: Von Täter_innen mit rechtsextremen Hintergrund gingen 2018 17 der 46 Bedrohungen aus (37%). Sehr häufig waren Bedrohungen mit einem islamistischen Hintergrund: 15% der Bedrohungen sind diesem Spektrum zuzuordnen. Auffällig ist, dass im Vergleich zu anderen Vorfallsarten überproportional viele Bedrohungen im Bezirk Neukölln stattfanden (8, hiervon drei links-antiimperialistisch und zwei rechtsextrem motiviert).

Begrifflicher Rahmen

Als Angriff wird jeder körperliche Angriff auf eine Person gewertet, der nicht lebensbedrohlich ist und keine starken körperlichen Schädigungen nach sich zieht. Darunter fallen auch versuchte Angriffe, also Fälle, in denen es den Betroffenen gelingt, sich dem Angriff durch Verteidigung oder Flucht zu entziehen. Als Angriff wird auch das Werfen von Gegenständen (etwa Steine, Flaschen etc.) gewertet, auch wenn diese ihr Ziel verfehlen.

Als Bedrohung gilt jede eindeutige und konkret adressierte schriftliche oder mündliche Drohung. Die Eindeutigkeit ergibt sich aus der direkten oder indirekten Androhung von Gewalt gegen Personen, Personengruppen oder Sachen. Die konkrete Adressierung ist gegeben, wenn die Bedrohung sich gegen eine bestimmte Person, eine bestimmte Personengruppe oder eine bestimmte Institution richtet.

Als gezielte Sachbeschädigungen werden antisemitische Schmierereien oder Symbole, das Anbringen antisemitischer Aufkleber oder Plakate sowie sonstige Beschädigungen jüdischen bzw. als jüdisch wahrgenommenen Eigentums gewertet. Auch Beschädigungen von Schoa-Gedenkorten gelten als gezielte Sachbeschädigungen.

Die Kategorie verletzendes Verhalten umfasst sämtliche Vorfälle, bei denen jüdische Institutionen oder Personen gezielt, böswillig oder diskriminierend adressiert werden, unabhängig davon, ob der Text selbst antisemitische Stereotype enthält oder nicht. Des Weiteren umfasst diese Kategorie schriftliche oder mündliche antisemitische Aussagen die sich gegen nicht-jüdische Institutionen und Personen richten sowie antisemitische Schmierereien oder Aufkleber an nicht-jüdischem Eigentum. Antisemitische Texte, die sich an mehr als zwei Adressat_innen richten oder auf ein möglichst breites Publikum abzielen, werden hingegen in der Kategorie „Massenzuschriften“ behandelt. Versammlungen (Demonstrationen, Kundgebungen) werden als verletzendes Verhalten gewertet, wenn der Aufruf zur Versammlung, bei der Versammlung gerufene Parolen oder gezeigte Transparente bzw. Plakate antisemitische Inhalte aufweisen.

Als Massenzuschriften kategorisiert RIAS antisemitische Texte, die sich an mindestens zwei Adressat_innen richten oder die auf andere Art und Weise der massenhaften Verbreitung ein möglichst breites Publikum erreichen sollen. Auch Texte ohne explizit antisemitische Inhalte werden als Vorfälle aufgenommen, wenn sie an jüdische Adressat_innen verschickt werden.

Vorfälle nach Berliner Bezirken

Die meisten bekannt gewordenen Vorfälle ereigneten sich wie schon im Vorjahr im Bezirk Mitte (146), gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf (80). Im Bezirk Friedrichshain-Kreuz-berg kam es zu einem auffälligen Anstieg der registrierten Vorfälle. Im Vergleich zu 2017 stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle von 42 auf 65. Der signifikanteste Anstieg war jedoch im Bezirk Treptow-Köpenick zu verzeichnen: Hier kam es beinahe zu einer Verdoppelung der Vorfälle von 16 (2017) auf 31 (2018)

Vorfälle in Berlin nach Monaten

Im Schnitt verzeichnete RIAS in Berlin drei Vorfälle pro Tag. Insgesamt 163 antisemitische Vorfälle ereigneten sich im Mai 2018 – so viele wie in keinem anderen Monat seit der Aufnahme der systematischen zivilgesellschaftlichen Dokumentation im Januar 2015. Häuften sich in diesem Monat ohnehin Jahr für Jahr ritualisierte politische Versammlungen, in deren Zusammenhang es zu antisemitischen Vorfällen kommt, so kamen 2018 noch antisemitische Reaktionen auf Ereignisse in Israel und dem Nahen Osten dazu.

Offline-Tatorte in Berlin

Am häufigsten ereignen sich antisemitische Vorfälle auf offener Straße oder im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Diese Orte sind öffentlich zugänglich und in einer Großstadt wie Berlin relativ anonym, sodass es relativ wahrscheinlich zu zufälligen, für die Betroffenen fast nie vorhersehbaren Begegnungen kommen kann. Alarmierend war im vergangenen Jahr aber, dass sich gerade diejenigen antisemitischen Vorfälle, die im unmittelbaren Wohnumfeld der Betroffenen stattfanden, mehr als verdoppelt haben. Die Zahl dieser Vorfälle stieg von 18 Vorfällen im Jahr 2017 auf 39 Vorfälle 2018. Antisemitische Vorfälle ereignen sich somit nicht nur in allen Bezirken Berlins, sie kamen 2018 auch verstärkt an Orten vor, an denen sich die Betroffenen in ihrem Alltag regelmäßig aufhalten und deren Frequentierung sich, wie im Fall des eigenen Wohnorts, auch nicht vermeiden lässt.

Betroffenengruppen in Berlin

2018 waren in Berlin insgesamt 368 Personen von antisemitischen Vorfällen unmittelbar betroffen. 2017 waren es noch 213 Personen; das entspricht einem Anstieg um 73%. Damit einher ging ebenfalls ein starker Anstieg von betroffenen Jüdinnen_Juden: Ihre Zahl stieg im Vergleich zu 2017 um 80% auf 187 jüdische oder als jüdisch adressierte Betroffene. Über die Hälfte der direkt von antisemitischen Vorfällen betroffenen Einzelpersonen waren jüdisch.

Die Zahl der Vorfälle, in denen Institutionen betroffen waren, erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr um 8% auf 579. Dabei ist auffällig, dass jüdische und israelische Institutionen in mehr Fällen betroffen waren als 2017. Vorfälle, die sich gegen Akteur_innen der Zivilgesellschaft richteten, wurden in deutlich geringerem Maße bekannt.

Vorfälle in Berlin nach Erscheinungsformen

Betrachtet man die inhaltlichen Formen des Antisemitismus im Jahr 2018 in Berlin, zeigt sich: In 52% der Vorfälle wurden Stereotype verwendet, die dem Post-Schoa Antisemitismus zuzuordnen sind. Es handelt sich dabei nach wie vor um die am weitesten verbreitete Form antisemitischer Äußerungen. In jedem zweiten Vorfall wurden Motive verwendet, die dem israelbezogenen Antisemitismus zuzuordnen sind. Das antisemitische Othering spielte in 40% der Vorfälle eine Rolle, während Motive des modernen Antisemitismus bei 29% und des antisemitischen Antijudaismus bei 21% eine Rolle spielten.

Begrifflicher Rahmen

Inhaltlich unterscheidet RIAS Berlin bei der Erfassung antisemitischer Vorfälle fünf verschiedene Erscheinungsformen von Antisemitismus.

Im antisemitischen Othering werden Jüdinnen_Juden als fremd oder nicht-dazugehörig beschrieben. Das ist beispielsweise der Fall, wenn nicht-jüdische Institutionen oder Personen als „Jude“ beschimpft werden.

Religiös begründete Stereotype sind Teil des antijudaistischen Antisemitismus, so etwa im Fall des Vorwurfs, Jüdinnen_Juden seien für den Tod Jesu Christi verantwortlich.

Wird Jüdinnen_Juden, etwa im Rahmen von Verschwörungsmythen, eine besondere politische oder ökonomische Macht zugeschrieben, so wird dies als moderner Antisemitismus bezeichnet.

Der Post-Schoa-Antisemitismus bezieht sich auf den Umgang mit den nationalsozialistischen Massenverbrechen, beispielsweise wenn die Erinnerung an die NS-Verbrechen antisemitisch abgelehnt wird.

Der israelbezogene Antisemitismus richtet sich gegen den jüdischen Staat Israel, etwa indem diesem die Legitimität abgesprochen wird.

Vorfälle in Berlin nach politischen Hintergründen

Auffallend ist, dass sich aus der jeweiligen antisemitischen Erscheinungsform nicht unbedingt Rückschlüsse auf den politischen Hintergrund ziehen lassen. Stereotype des israelbezogenen, des Post-Schoa sowie des modernen Antisemitismus werden von ganz unterschiedlichen Personen und Gruppen aus dem politischen Spektrum verwendet. Dies führt dazu, dass der politische Hintergrund eines Vorfalls selbst in den Fällen, in denen sich ausführlich und sehr explizit antisemitisch geäußert wird, häufig nicht eindeutig zu bestimmen ist.

In knapp der Hälfte der von RIAS Berlin 2018 erfassten Vorfälle – 531 oder 49% – ist der politische Hintergrund daher unbekannt. Zudem sind Zuordnungen oft nicht trennscharf möglich. So ist die Gruppe, der die meisten antisemitischen Vorfälle eindeutig zugeordnet werden konnten, zwar der Rechtsextremismus (193 Vorfälle), aber die Abgrenzung zu den 56 Vorfällen mit rechtspopulistischem Hintergrund (5% der Vorfälle 2018) ist nicht immer eindeutig. Vorfälle, die dem israelfeindlichen Aktivismus zuzuordnen sind, stellen mit 9% (101 Vorfälle) 2018 die zweitgrößte klassifizierbare Gruppe dar. Im Vergleich zur Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle spielen solche, die der politischen Mitte (77 oder 7%), dem verschwörungsideologischen (62 oder 6%) oder dem links-antiimperialistischen Milieu (44 oder 4%) zugeordnet werden können, eine relativ kleine Rolle. Dem islamistischen Spektrum rechnet RIAS Berlin mit 19 Vorfällen – 2% der Vorfälle 2018 – insgesamt am wenigsten antisemitische Vorfälle zu.

Begrifflicher Rahmen

RIAS Berlin klassifiziert den politischen Hintergrund der Verantwortlichen für antisemitische Vorfälle. Dieser ergibt sich entweder aus der Selbstbezeichnung der Personen oder Organisationen oder aus verwendeten Stereotypen, die sich eindeutig einem bestimmten politischen Spektrum zuordnen lassen. Auf Grundlage der dem Projekt vorliegenden Informationen lässt sich der politische Hintergrund einer Vielzahl von Vorfällen jedoch nicht eindeutig bestimmen. Grundsätzlich unterscheidet RIAS Berlin zwischen folgenden sieben politischen Spektren:

Als rechtsextrem wird die Gesamtheit von Einstellungen und Verhaltensweisen gefasst, die einerseits auf Ideologien der Ungleichwertigkeit von Menschen basieren und die andererseits das Ziel verfolgen, Individualismus zugunsten einer Gesellschaft, die als völkisch, ethnisch oder kulturell homogen propagiert wird, zurückzunehmen.

Als rechtspopulistisch bewertet RIAS Berlin Einstellungen und Politikformen, die auf die Konstruktion einer ethnisch-nationalen Identität auf der Basis (kultur-)rassistischer Vorurteile abzielen. Dabei wird berücksichtigt, dass Rechtspopulist_innen sich immer wieder explizit vom Rechtsextremismus abgrenzen. Dennoch ist eine Unterscheidung nicht in allen Fällen eindeutig.

Als links-antiimperialistisch wird ein Vorfall verortet, wenn das Vertreten linker Werte oder die Selbstverortung der Personen oder Gruppen in einer linken Tradition einhergeht mit einer binären Weltsicht und einer – häufig befreiungsnationalistischen – Imperialismuskritik. Als islamistisch werden politische Auffassungen und Handlungen verstanden, die auf die Errichtung einer allein islamisch legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung abzielen. Einem verschwörungsideologischen Milieu werden Gruppen oder Personen zugerechnet, bei denen die Verbreitung von antisemitischen Verschwörungsmythen im Vordergrund steht. Diese Personen und Gruppen können in dem herkömmlichen politischen Spektrum mitunter nicht eindeutig verortet werden.

Dasselbe gilt für das Milieu des israelfeindlichen Aktivismus: Hier überwiegt die israelfeindliche Motivation der verantwortlichen Personen bzw. Gruppen eindeutig gegenüber einer Positionierung etwa im linken, rechten oder islamistischem Milieu. Zum israelfeindlichen Aktivismus zählt RIAS Berlin beispielsweise säkulare palästinensische Gruppen sowie Aktivist_innen, die antisemitische Boykottkampagnen gegen den jüdischen Staat Israel unterstützen.

Der politischen Mitte werden Personen oder Gruppen zugeordnet, die sich weltanschaulich nicht als rechtsextrem oder rechtspopulistisch, links-antiimperialistisch oder islamistisch positionieren und die für sich zugleich in Anspruch nehmen, eine demokratische Position einzunehmen.