Karen Margolis wurde 1952 in Simbabwe geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie mit ihrer Familie im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits in Kapstadt, bevor die junge Familie in den Norden Südafrikas zog. Aufgewachsen in einem geschützten jüdischen Umfeld, begegnete sie kaum nicht-jüdischen Menschen – und doch war die Geschichte des Antisemitismus von Beginn an prägend. Sie erinnert sich daran, dass sie schon früh antisemitische Äußerungen oder Feindlichkeit gegenüber Jüdinnen_Juden fast körperlich spürte. „Sie meinen mich“, sagt sie im Interview.

Ihre Familie stammte aus dem östlichen Europa: Die väterliche Seite kam aus Litauen, die mütterliche aus Grodno (heute Belarus) und Riga. Der Vater, dessen Familie 1933 nach Südafrika geflohen war, trug ein schweres Schuldgefühl mit sich, weil er als einer der wenigen Verwandten die Schoa überlebt hatte. Die meisten seiner Angehörigen wurden in Litauen ermordet – im Rahmen von Massenerschießungen oder im Ghetto. Die Eltern sprachen kaum über diese tragischen Ereignisse – auch, um den Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen.

Karen Margolis besuchte zunächst einen jüdischen Kindergarten, lernte Hebräisch, sang israelische und jiddische Volkslieder, betete und erlebte jüdische Rituale als Teil des Alltags.

Besonders prägte sie ihre Großmutter mütterlicherseits, eine sozial engagierte Frau mit starkem Gerechtigkeitssinn. Diese war nicht nur in der jüdischen Gemeinde aktiv – unter anderem bei WIZO (Women’s International Zionist Organization) und in einem Waisenhaus für Holocaust-Überlebende –, sondern auch in der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika. Ihr religiöser Glaube war für sie mit einem klaren politischen Bewusstsein verbunden. An ihrem Shabbat-Tisch am Freitagabend saßen oft Gäste in Trauerkleidung, viele weinten beim Anzünden der Kerzen. Meist handelte es sich um Überlebende der Schoa, doch die genaue Beschreibung ihres Leids blieb unausgesprochen. Stattdessen verwendeten sie kodierte Begriffe, wie das englische Wort „perished“ für die Morde an jüdischen Menschen während der Schoa.

Im Alter von neun Jahren zog Karen Margolis mit ihrer Familie nach England. Dort erlebte sie erstmals bewusst Antisemitismus, etwa in der Schule. So wurde sie für den Wunsch, die hohen jüdischen Feiertage einzuhalten, von der Lehrkraft verspottet. Als Karen sich gegen die diskriminierende Bemerkung der Klassenlehrerin wehrte, schloss diese sie aus dem Unterricht aus. Ihre Eltern mahnten sie daraufhin zur Anpassung: Jüdinnen_Juden dürften nicht auffallen.

1974 absolvierte Karen Margolis ihr Diplom in Mathematik an der London School of Economics. Nach dem Studium veröffentlichte sie ihr erstes Buch.

Im Jahr 1983 zog Karen Margolis nach Berlin – ein Schritt, den viele ihrer Familienmitglieder verurteilten. Ihre Eltern haben sie nie in Deutschland besucht. Über die Jahrzehnte hinweg engagierte sie sich in demokratischen politischen Bewegungen und in feministischen und jüdischen Gruppen. Seit über 20 Jahren ist sie aktives Mitglied einer feministischen Frauengruppe, die sich egalitäre, liberale Strömungen des Judentums zuschreibt. Als überzeugte Feministin kämpft Karen Margolis seit den 1960er Jahren für die Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung von Frauen sowohl in der säkularen Gesellschaft als auch in allen Religionen.

Vor allem in den letzten Jahren blickt Karen Margolis mit Sorge auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland. Antisemitismus wachse, auch in Kreisen, in denen sie es früher nicht erwartet hätte, so erzählt sie. Die gesellschaftliche Verharmlosung solcher Vorfälle beunruhigt sie. „Es erinnert mich an Hannah Arendts Ausspruch: ‚Es waren nicht die Feinde – es waren die Freunde.‘“ Karen Margolis’ Reflexionen zum wachsenden Antisemitismus in Deutschland formulierte sie in ihren Veröffentlichungen schon lange vor dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023. Auch nach den Ereignissen des 7. Oktober habe ihr Interview nichts an Aktualität eingebüßt, hält sie im Nachgang fest.

Heute situiert sich Karen Margolis als selbstbewusste Jüdin und Autorin in der historischen Tradition des Kampfes für Demokratie und Aufklärung. Verstärkt widmet sie ihre Arbeit und ihre gesellschaftliche Teilnahme der Unterstützung von Bewegungen gegen Antisemitismus und für die Rechte der Frauen in Deutschland und der Welt, etwa im Iran, in Israel oder in Osteuropa.

Karen Margolis schreibt seit 1977 als freie Schriftstellerin Bücher, Essays, Gedichte, Hörspiele und Reportagen in englischer Sprache und veröffentlicht Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englische. Sie ist Mitglied von English PEN und PEN Berlin.