David Rosenberg wurde 1996 in Karlsruhe geboren. Er wuchs in einer Familie mit einer komplexen Verfolgungsgeschichte auf.

Seine Familie mütterlicherseits ist jüdisch. Davids Ururgroßeltern wurden im Ghetto Berschad ermordet. Die gemeinsame Tochter, Davids Urgroßmutter, überlebte als Jugendliche das Ghetto. Dieses Trauma, so erzählt es David Rosenberg, wirke bis heute fort – auch in den Erzählungen seiner Großmutter und in seiner eigenen Identität.

David Rosenbergs Großmutter wurde in Czernowitz in der heutigen Westukraine geboren. Sein Großvater stammt aus Birobidschan – dem von Stalin gegründeten „Jüdischen Autonomen Oblast“. Er diente in der Sowjetarmee. Beide sind Kinder von Schoa-Überlebenden und migrierten Anfang der 1970er Jahre zusammen nach Israel. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 verließ die Familie das Land und ließ sich in Karlsruhe nieder.

Väterlicherseits stammt David Rosenberg aus einer Rom:nja-Familie. Die Vorfahren waren ursprünglich „Kalderascher“, eine Kupferschmiede-Gemeinschaft aus Polen und Rumänien.

Die Schoa hinterließ auch hier tiefe Spuren: Seine Familie verlor wegen der Kollaboration Rumäniens mit den Nationalsozialisten ihren Besitz. Nach dem Krieg waren sie entrechtet und mittellos – und machten die Erfahrung von anhaltender Staatenlosigkeit: Obwohl David Rosenbergs Vater in Deutschland geboren wurde, blieb er bis ins junge Erwachsenenalter ohne Staatsangehörigkeit.

Im Interview erzählt David Rosenberg auch von seiner persönlichen Erinnerungspraxis: Am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin kauft er eine Rose, um sie in das Wasserbecken des Mahnmals zu legen. Von dort nimmt er einen Stein – wie er im Judentum zum Gedenken auf Gräber gelegt wird – und trägt ihn zum Holocaust-Mahnmal. Eine Geste, die für ihn eine persönliche Brücke zwischen zwei Gedächtniskulturen schlägt.

David Rosenbergs Kindheit war geprägt von der Suche nach seiner Identität. Innerhalb der Familie wurde der jüdische Teil seiner Herkunft nicht offen benannt – aus Angst vor Ausgrenzung. Als er in der Grundschule einmal erzählte, dass er seine Ferien in Israel verbracht hatte, wies ihn seine Mutter zurecht: „Jetzt wissen sie, dass wir Juden sind.“ Die Rom:nja-Herkunft wurde nach außen gänzlich verschwiegen. Romanes, die Sprache der Familie, wurde nur im Familienkreis gesprochen.

Im deutschen Bildungssystem erfuhr David Rosenberg schon früh strukturelle Benachteiligung: Er erhielt trotz guter Leistungen eine Hauptschulempfehlung – wie viele Kinder, „die nicht dem phänotypischen Bild eines Deutschen entsprachen.“ In der Hauptschule wurde er Jahrgangsbester, wechselte zum Gymnasium. Dort scheiterte er jedoch an fehlendem Vorwissen und ging auf die Realschule.

Im Interview berichtet David Rosenberg von seinen alltäglichen Erfahrungen mit antisemitischer sowie antiziganistischer Diskriminierung – ob im Beruf oder in der Nachbarschaft. Er kritisiert das mangelnde gesellschaftliche Wissen über die Geschichte der Sinti:zze und Rom:nja. Zum Umgang mit antiziganistischer Diskriminierung und Stereotypisierung sagt er: „Der Antiziganismus ist dort, wo der Antisemitismus vor 50 Jahren war.“

Während Antisemitismus oft mit Mythen von Kontrolle und Macht aufgeladen ist, werden im Antiziganismus die Betroffenen systematisch ihrer Würde beraubt. In beiden Fällen handelt es sich, so David Rosenberg im Interview, um tief verankerte, gesamtgesellschaftliche Phänomene.

Zum Zeitpunkt des Interviews studierte David Rosenberg Interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit an der pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Er ist parteipolitisch aktiv, Mitgründer des politisch engagierten jüdischen Studierendenverbands Hinenu in Rheinland-Pfalz und im Saarland und engagiert sich im Projekt Meet a Jew. Dort bringt er seine Erfahrungen als Jude und Rom ein und spricht offen über Antisemitismus, Antiziganismus und die Gefahr gesellschaftlicher Stereotype.