Michael wurde 1952 in Israel als Sohn von Schoa-Überlebenden geboren.
Michaels Vater, Heinz, gelang es, 1937 legal aus Deutschland auszuwandern und er migrierte nach Palästina. Seine Familie kam aus Ostpreußen, sein Vater Max war dort Leiter eines großen Schuhgeschäfts. Sein Bruder, Siegfried, reiste bereits 1936 nach Palästina aus. Seine Schwester Paula folgte ihm 1940 auf der „Patria“ und erlebte die tragischen Ereignisse bei der Ankunft im Hafen von Haifa: Die britische Mandatsverwaltung hatte geplant, den Passagieren die Einreise nach Palästina zu verwehren und sie in eine britische Kolonie zu deportieren. Um diese Pläne zu deportieren, unternahm die zionistische Untergrundorganisation Hagana einen Bombenanschlag auf das Schiff. Anstatt es nur zu beschädigen, kam es zu vielen Toten. Paula überlebte die Explosion.
Michaels Großeltern väterlicherseits, Max und Selma, wurden von den Nationalsozialisten im März 1943 von Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert und schließlich im Juni 1944 weiter nach Auschwitz – dort wurden sie ermordet. Michael erzählt, dass er als Kind keinen Bezug zu seinen Großeltern hatte, sein Vater Heinz redete nicht über seine ermordeten Eltern. Michaels Bezug änderte sich erst, als er als Lehrer mit seinen Schüler_innen die Gedenkstätte Auschwitz besuchte: Dort zeigte ihm der ehemalige Leiter die Transportlisten mit den Namen seiner Großeltern. Die Kopien der Transportlisten gab Michael später an seine Töchter weiter.
Die Familie von Michaels Mutter stammte aus Russland und wanderte bereits vor der Revolution 1917 nach Palästina aus. Sarah und Dinah, zwei der Töchter von Michael, lernten die Großeltern nie kennen und konnten ihnen daher keine Fragen zu ihrer (Familien-)Geschichte stellen. „Was man nicht erzählt bekommen hat, kann man nicht weitererzählen“, hält Dinah fest.
Auf Wunsch seines Vaters Heinz kehrte Michael zusammen mit seinen Eltern und Schwestern 1956 aus Israel nach Deutschland zurück. Mit dem Schiff fuhren sie von Haifa über verschiedene Stationen nach Berlin. Die Stadt war kriegszerstört, kalt und grau.
In Deutschland kämpfte Michaels Vater um Entschädigungszahlungen. Michaels Mutter freundete sich, so berichtet er im Interview, „mit den Verhältnissen und den Menschen“ in Deutschland nie an. Michael ging in den jüdischen Kindergarten und beschreibt, dass er bis zum späten Teenageralter in einer „gespaltene[n] Gesellschaft“ lebte, da er sich hauptsächlich in einer geschlossenen jüdischen Community bewegte. Dies änderte sich erst, als er sich ab Mitte der 1960er Jahre innerhalb der Student_innenbewegung politisierte.
Sarah und Dinah wurden 1980 und 1989 in Berlin geboren. Die Familie zog Anfang der 1990er Jahre nach Hessen.
Die Schwestern berichten beide, dass sie früh damit konfrontiert waren, dass sich ihre Familiengeschichte sehr stark von denen ihrer Schulfreund_innen unterschied. Ihre Familiengeschichte wurde ihnen von klein auf vermittelt, „ohne dass ich als Kind gewusst hätte, was genau passiert ist [...] das war irgendwie so da“, hält Dinah fest. Sie erzählt im Interview, dass sie viel Zeit in Archiven verbrachte, um die Familiengeschichte zu recherchieren, vor allem auch, um die sehr umfangreichen Entschädigungsakten durchzugehen. Bis heute arbeitet sie daran, die „Puzzleteile“ zusammenzusetzen.
Um die Erinnerung an die während der Schoa ermordeten Familienmitglieder wach zu halten, verlegte die Familie am 6. Oktober 2023 auf eigene Initiative in Berlin Stolpersteine für Max und Selma. Zu diesem Anlass kamen Familienmitglieder aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen.
Sarah beschreibt, dass sie sich, als sie jung war, „zu jüdisch, um bei den nicht-jüdischen Deutschen dazuzugehören und zu wenig jüdisch, um in der jüdischen Gemeinde dazuzugehören“ fühlte. Dieses Gefühl des „Dazwischenstehens“ führte für Sarah zu einem „doppelten Ausschluss“ statt zu einem „doppelten Dazugehören“. Erst später entschied sie für sich: „Das was ich bin, ist auch eine Identität, das ist nicht das eine und nicht das andere, sondern das ist einfach ich, mit allem, was dazugehört.“
Antisemitismus erlebte Michael schon in seiner frühen Kindheit in Deutschland. Auch Sarah und Dinah erzählen von zahlreichen Erfahrungen mit Antisemitismus, auch von Philosemitismus seitens einiger Lehrkräfte. Der Nationalsozialismus und die Schoa wurden in der Schule nur auf theoretischer Ebene thematisiert. Weder die Familiengeschichten der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft noch jüdische Perspektiven spielten eine Rolle. Im Interview gehen sie darauf ein, dass dieser Teil der deutschen Geschichte thematisiert wurde, ohne mitzudenken, dass auch jüdische Schüler_innen anwesend waren, die aufgrund ihrer Familiengeschichte ganz anders persönlich davon betroffen waren.
Auch rechte Kontinuitäten in Hessen (und Deutschland) sind Thema im Interview. Dazu gehören die Neonazi-Szene der 1990er, Rechtsextremismus bei der hessischen Polizei, NSU 2.0 oder das Bagatellisieren rechter Strukturen im mittelhessischen Vogelsbergkreis sind Fälle, mit denen die Familie immer wieder konfrontiert wurde.
Einen Tag nach der Stolpersteinverlegung für Selma und Max verübten die Hamas und andere Terrororganisationen am 7. Oktober 2023 einen Anschlag auf die israelische Zivilbevölkerung, das größte antisemitische Massaker seit der Schoa. Wie die Familie diesen Tag erlebte und welche persönlichen und politischen Enttäuschungen sie seitdem erfahren musste, wird eindrücklich im Interview thematisiert.
Michael verstarb im Dezember 2024 in Alsfeld.