Lisa Michajlova wurde 1998 in Gelsenkirchen geboren. Ihre in der Ukraine geborenen Eltern hatten sich beim Tischtennissport kennengelernt und wanderten 1993, auf der Suche nach einem sichereren Leben, als sogenannte Kontingentflüchtlinge gemeinsam mit Lisa Michajlovas Großmutter nach Deutschland aus.

In Deutschland konnten ihre Eltern nicht in ihren gelernten Berufen arbeiten. Der Vater, ein studierter Mathematiker und Physiker, arbeitete zunächst auf dem Bau und als Gabelstaplerfahrer. Ihre Mutter studierte in der Ukraine an einem pädagogischen Institut. Auch ihr Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt und sie musste zunächst unter anderem als Putzkraft arbeiten. Später konnte sie eine Ausbildung als Physiotherapeutin absolvieren und arbeitete fortan in diesem Feld. Ihre Leidenschaft für Tischtennis setzten die Eltern in Deutschland ­als Trainer:innen und Spieler:innen in der Regional- bzw. Oberliga fort.

Lisa Michajlova wuchs weitgehend säkular auf. In ihrem Elternhaus gab es keinerlei jüdische Rituale, Feiertage oder Symbole. Die einzige Verbindung zu ihrer jüdischen Herkunft war ihre 1935 geborene Großmutter, die vor den Nazis aus der Ukraine fliehen musste und im Norden Russlands mit ihrer Mutter und Schwester die Schoa überlebte. Erst im Laufe der Jahre begann Lisa Michajlova sich damit auseinanderzusetzen, was Judentum für sie persönlich bedeutet: Gemeinschaft, Religion, Identität.

Sie ging in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen zur Schule und fühlte sich etwa durch mangelhafte Schul- und Studienberatung strukturell benachteiligt. Schon früh übernahm Lisa Michajlova Verantwortung für ihre Familie: Sie half beim Übersetzen von Briefen, begleitete ihre Großmutter zu Behörden und dolmetschte. Mit ihrer Großmutter sprach Lisa Michajlova über Antisemitismus: Über die Flucht vor der herannahenden deutschen Front im Zweiten Weltkrieg, über das Leben in der Sowjetunion und über das aufgrund des antisemitischen Klimas verhinderte Jurastudium.

Lisa selbst wurde als einzige Jüdin in der Schule ausgegrenzt. 2014, nach einer Eskalation im Nahostkonflikt, häuften sich im Internet Anfeindungen und sogar Morddrohungen. Nach einem Auslandsjahr in den USA trat Lisa Michajlova MAKKABI bei, dem Dachverband für jüdische Sportvereine in Deutschland. Bald schlossen sich erst ihre Schwester und dann auch ihre Eltern dem Verband an.

Während ihres Studiums der Mathematik, Philosophie und Cognitive Science in Bochum und Tel Aviv engagierte sie sich in der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) und gründete außerdem in Bochum den jüdischen Studierendenverband (GESH). Seit 2021 setzt sie sich verstärkt dafür ein, jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer zu machen – mit Aktionen wie der „Jüdischen Campus-Woche“ oder im Rahmen der Feiern „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Sie legte dabei großen Wert darauf, Judentum als Alltag und Kultur zu präsentieren, jenseits von Antisemitismus, Schoa und Nahostkonflikt.

Als im Mai 2021 bei Demonstrationen in Gelsenkirchen ein wütender Mob vor einer Synagoge antisemitische Parolen rief, führte dies zu persönlichen und politischen Verwerfungen zwischen Lisa Michajlova und ihrem bisherigen Umfeld.

Am 4. Oktober 2023 zog sie zum Studium nach Tel Aviv, musste Israel allerdings aufgrund des Terroranschlags der Hamas und anderer Terrororganisationen am 7. Oktober wieder verlassen. Zurück in Deutschland schlug ihr der erstarkte Antisemitismus entgegen. Daraufhin entschied sie sich, ihren Lebensmittelpunkt nach Tel Aviv zu verlegen. Rückblickend spricht sie von einem vollständigen Neuanfang: weg von permanenter Erklärungspflicht und dem Gefühl, in Deutschland ständig um ihre Existenz kämpfen zu müssen.

Lisa Michajlova beschreibt sich als „postsowjetisch‑jüdisch“: geprägt von Trauma und Flucht, von strukturellem Ausschluss, vom Bedürfnis nach Sichtbarkeit und von dem Bruch mit alten politischen Narrativen. Sie steht für ein selbstbewusstes jüdisches Leben in Deutschland – geprägt durch Aktivismus und Gemeinschaft, durch ihre Familiengeschichte und ihren ganz persönlichen Weg.

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