Aktuelle jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart
Der Bundesverband RIAS führte 2023 vier Interviews mit Nachfahren von Schoa-Überlebenden der 2. und 3. Generation: In den Gesprächen ging es um Familiengeschichten und die Frage, wie Traumata über Generationen weiterwirken. Ein weiterer Schwerpunkt waren Kontinuitäten und Brüche des Antisemitismus, Erfahrungen im Alltag und Verbindungen zu anderen Ideologien der Ungleichheit.
Drei der vier Interviews wurden nach dem 7. Oktober 2023 geführt, jenem Tag, an dem die Hamas und weitere islamistische Terrororganisationen in Israel Massaker an der Zivilbevölkerung ausübten und 251 Geiseln in den Gazastreifen verschleppten. In der Folge der Massaker kam es weltweit zu einem sprunghaften Anstieg antisemitischer Vorfälle. Die Interviews sind von diesen Eindrücken und den Erfahrungen der Interviewpartner:innen geprägt.
Dieses Projekt baut auf den im Jahr 2022 vom Bundesverband RIAS geführten Interviews mit Schoa-Überlebenden und deren Angehörigen auf. Der Bundesverband RIAS konzipierte aus den Videointerviews Material für die Vermittlungs- und Bildungsarbeit zu Antisemitismus, um vergangene und aktuelle Formen von Antisemitismus sichtbar zu machen.
Ziele
Mit Blick auf historische Kontinuitäten und Brüche zeigen die Interviews aktuelle jüdische Perspektiven auf. Die Interviewpartner:innen erzählen von ihren Familiengeschichten, die unter anderem geprägt sind von antisemitischer Verfolgung während des Nationalsozialismus, aber auch von Antisemitismus vor 1933 und nach 1945. Drei der vier Interviews wurden kurz nach dem 7. Oktober 2023 aufgenommen und regen dazu an, sich diesen Ereignissen aus jüdischen Perspektiven zu nähern. Die erzählten Geschichten, Gedanken und Erinnerungen sensibilisieren für komplexe Biografien und Identitäten, da die Interviewten auch von Erfahrungen mit anderen Ideologien der Ungleichheit, wie Antiziganismus oder Sexismus, berichten. Die Arbeit mit den Interviews ermöglicht und motiviert dazu, sich mit persönlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten solidarisch zu handeln auseinanderzusetzen. Auch Möglichkeiten von Resilienz und Fragen nach der eigenen Identität werden reflektiert.
Zielgruppen
Erwachsene in Betrieben, Polizei, Justiz und Verwaltung, Multiplikator:innen, Studierende, Schüler:innen (ab 14 Jahren) und Jugendliche und Erwachsene in Weiter- und Ausbildungseinrichtungen.
Zeit
1,5–2,5 Stunden – je nach Form der Durchführung, der Diskussionsfreudigkeit sowie den Bedürfnissen und Interessenschwerpunkten der Gruppe kann mehr oder weniger Zeit eingeplant werden.
Voraussetzungen
Für Teilnehmende (TN):
Voraussetzung für die Beschäftigung mit den Interviewfilmen ist es, dass der Nationalsozialismus, die Geschichte der antisemitischen Verfolgung und des Antisemitismus in Grundzügen bereits bekannt sind oder in Vorbereitung auf die Kurzfilme thematisiert werden.
Für Anleitende (AL):
Empfehlenswert für AL ist es, über Hintergrundwissen zu den einschlägigen, in den Interviews behandelten Themen zu verfügen, vor allem zu den Massakern der Hamas und anderer Terrorgruppen an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023, zur Geschichte des Antisemitismus und des Staates Israel sowie zu den nationalsozialistischen Massenverbrechen. Hilfreich, aber nicht notwendig, können darüber hinaus Kenntnisse zu Aspekten wie Antisemitismus in der Sowjetunion, Kontingentflüchtlinge, Apartheid in Südafrika und Antiziganismus sein. Für die Vorbereitung zur Arbeit mit den Interviews enthält die Website ausführliche biografische Hintergrundinformationen zu den einzelnen Personen, die es ermöglichen, Nachfragen der TN zu beantworten. Eine unerlässliche Voraussetzung ist eine Beschäftigung mit Antisemitismus und seinen Erscheinungsformen (siehe dazu Hintergrund und Erscheinungsformen).
Räumlichkeiten:
Je nach Umsetzung der Methode kann für die Arbeit in der Gesamtgruppe ein Raum ausreichend sein. Wenn in Kleingruppen gearbeitet wird, sind mehrere Räume notwendig, damit die TN die Interviews in Ruhe anschauen und diskutieren können.
Material:
Je nach Umsetzung der Methode wird ein digitales Endgerät oder eine der Kleingruppen entsprechende Anzahl von digitalen Endgeräten benötigt. Gebraucht werden zudem die Ausdrucke der Bilder von den interviewten Personen mit den Zitaten und kurzen biografischen Informationen sowie die dazugehörigen Fragen, ggf. Ausdrucke mit den antisemitischen Erscheinungsformen (siehe dazu Erscheinungsformen) und je nach gewählter Variante ausreichend Pinnwände o.ä., Plakatpapier/Flipcharts, Moderationskarten/Karteikarten inkl. Pins/Klebeband oder Magneten, Marker und Stifte.
Methode
Die TN schauen einen der Filme in der Gesamtgruppe oder in Kleingruppen an und diskutieren im Anschluss die jeweiligen Fragen. Die Interviews und Fragestellungen dienen dazu, einen Diskussionsrahmen zu schaffen. Es geht nicht um eine Abfrage von Wissen, vielmehr wird ein Raum eröffnet, der eine empathische Annäherung an die Erfahrungen und Geschichten der jeweiligen Personen und die Reflexion der behandelten Themen möglich macht. Natürlich müssen nicht in jedem Setting alle Fragen zu den einzelnen Personen behandelt werden. Je nach Interessen und Schwerpunktsetzungen ist es möglich, einzelne herauszugreifen und die Fragestellungen an die jeweilige Zielgruppe anzupassen.
Hinweise zur Durchführung:
- Die AL stellen anhand der hier vorgestellten Methodenvarianten eine Auswahl zusammen, die auf die Bedürfnisse der Gruppe und den zeitlichen Rahmen zugeschnitten ist.
- Die Interviews mit Lisa Michajlova, David Rosenberg und Michael, Sarah und Dinah thematisieren den 7. Oktober 2023 und wie sich dieser Tag auf die Interviewten ausgewirkt hat.
- Da die Videointerviews sehr belastende Themen behandeln, kann es nach der gemeinsamen Sichtung in der Gesamtgruppe entlastend sein, die Frage zu stellen: „Wie geht es Euch nach dem Schauen der Interviews? Welche spontanen Gedanken, Gefühle und Reaktionen habt ihr?“ Wichtig ist es dabei, darauf hinzuweisen, dass die TN nur das im Gesamtgruppe teilen sollen, was sie gerne teilen möchten, und diese Fragen auf keinen Fall beantworten müssen.
Ablauf
Die AL führen die TN in die Entstehungsgeschichte und den Inhalt der Kurzfilme ein (siehe Intro-Text); dann wird das weitere Vorgehen erläutert. Je nach Rahmenbedingungen (Diskussionsbedarf, Gruppengröße, Zeitrahmen usw.) bieten sich verschiedene Varianten an. Die AL können entweder alle Interviews zum Bearbeiten auswählen, nur einige oder ein Interview in der Gesamtgruppe behandeln. Unabhängig von der gewählten Variante kommen die TN abschließend in der Gesamtgruppe zusammen, stellen die Personen und ihre Antworten auf die Fragen vor und diskutieren gemeinsam die Reflexionsfragen zur Auswertung (siehe unten).
Varianten
Arbeit in der Gesamtgruppe: Die TN bekommen das jeweilige Bild der interviewten Person/en mit Zitat und kurzen biografischen Informationen oder betrachten dieses auf einem digitalen Endgerät. Sie lesen den Text und schauen dann gemeinsam das Interview an. Im Anschluss erhalten sie die jeweiligen Interviewfragen und diskutieren diese in der Gruppe. Möglich ist es auch, zunächst ein Interview in der Gesamtgruppe anzusehen und im Anschluss weitere Interviews in Kleingruppen zu bearbeiten.
Arbeit in Kleingruppen: Die TN teilen sich in ungefähr gleich große Kleingruppen auf. Die Kleingruppen erhalten zu Beginn die jeweiligen Bilder, die biografischen Informationen und das Zitat von der Person, die sie behandeln, und die dazugehörigen Fragen. Jede Kleingruppe schaut sich das entsprechende Videointerview an und bespricht im Anschluss die dazugehörigen Fragen.
Es kann für die Diskussion in der Gesamtgruppe sehr produktiv sein, die Interviews nach thematischen Schwerpunkten auszuwählen (bspw. Antiziganismus, transgenerationale Traumata). Das fokussierte Vorgehen ermöglicht den TN, verschiedene Perspektiven auf die (historischen) Ereignisse oder verschiedene Reflexionsansätze einzubringen.
Gestaltung von Plakaten: Bei der Arbeit in Kleingruppen kann es für die Diskussion in der Gesamtgruppe hilfreich sein, Plakate zu gestalten, auf denen die interviewten Personen mit einigen biografischen Informationen vorgestellt und zentrale Punkte aus der Diskussion festgehalten werden. Dieses Vorgehen erleichtert den anderen Kleingruppen, sich in der Diskussion auf die jeweiligen Punkte zu beziehen und die unterschiedlichen Aspekte der Biografien und Geschichten zueinander in Bezug zu setzen.
Ergänzende Nutzung der Methoden von anderen Trägern: Als Einführung für Jugendliche sowie als inhaltliche Begleitung für AL eignen sich folgende Methoden von ConAct, um die voraussetzungsvollen Themen rund um die Ereignisse des 7. Oktober 2023 pädagogisch zu begleiten:
- „Schwarzer Schabbat“. Was geschah am 7. Oktober 2023 in Israel?
- Nach dem 7. Oktober. Stimmen aus Israel und der jüdischen Diaspora.
Die entsprechenden Materialien können auf der Unterseite „Unsere Angebote“ unter dem Reiter „Materialien von anderen“ eingesehen werden. [1]
Reflexionsfragen für die Auswertung
Nach der Vorstellung der Interviews und der Diskussion im Gesamtgruppe werden die Reflexionsfragen, die sich auf alle Interviews beziehen, gemeinsam in der Gesamtgruppe diskutiert. Es ist an dieser Stelle wichtig, den TN zu vermitteln, dass nur das in der Gesamtgruppe geteilt werden soll, was die TN teilen wollen – insbesondere wenn es um eigene Erfahrungen oder die eigene Familiengeschichte geht.
Reflexionsfragen:
- Wie erging es Euch bei der Arbeit mit den Interviews? Was war dabei besonders eindrücklich für Euch?
- Fasst gemeinsam zusammen, mit welchen Formen von Antisemitismus die Interviewten konfrontiert sind. Mit welchen Ideologien der Ungleichheit sind sie darüber hinaus konfrontiert und wie gehen sie damit um?
- Reflektiert Eure eigene Auseinandersetzung mit der Geschichte in Euren Familien. Überlegt, inwiefern es wichtig ist, sich zur eigenen Familiengeschichte zu positionieren.
- Für die Interviews mit Lisa Michajlova, David Rosenberg und Michael, Sarah und Dinah: Wie erleben die Interviewpartner:innen den 7. Oktober 2023? Beschreibt, welche Auswirkungen der antisemitische Terrorangriff in Israel für sie hatte und wie sie jeweils damit umgehen. Was könnten der 7. Oktober und dessen Nachwirkungen für Jüdinnen:Juden in Deutschland bedeuten?
[1] Siehe dazu ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch: „Schwarzer Schabbat“ sowie Nach dem 7. Oktober. Online unter https://sichtbar-handeln.org/methodensammlung/ (Zugriff am 12.03.2026).

David Rosenberg

Karen Margolis

Lisa Michajlova

Michael, Sarah und Dinah
Die Interview-Partner:innen wurden illustriert von Michael Mallé.